Im Interview: Juliet Kothe, Direktorin der Sammlung Boros, Berlin

Interview Juliet Kothe Sammlung BorosInterview mit Juliet Kothe, Direktorin Sammlung Boros, Berlin © Collage: BOSANOVA Agentur für Communication & Event, Köln, 2017 - Portrait: © Alexander Erich

In unserer Interviewreihe stellen wir Kooperationspartner und Menschen aus unserem Netzwerk vor, die mit uns die Welle machen. Diesmal: Juliet Kothe, Kulturwissenschaftlerin und Leiterin der Sammlung Boros, der wohl wichtigsten privaten Sammlung zeitgenössischer Kunst in Berlin.

BOSANOVA UND JULIET KOTHE – WIR MACHEN DIE WELLE – FÜR KUNST & KULTURFÖRDERUNG

 

BOSANOVA-Redaktion: Bianca, Juliet und Du, ihr habt gerade bezüglich eines großen Events rund um den Boros-Bunker zusammen gearbeitet. Wie habt ihr euch kennengelernt und wie kam es zur Zusammenarbeit?

Bianca: Im Rahmen der Vorbereitung dieses Events habe ich für das Welcome Dinner der amerikanischen Gäste unseres Kunden eine Anfrage rausgeschickt, mit der ganz leisen Hoffnung, dass sich vielleicht jemand zurückmeldet. Tatsächlich war es Juliet, die sich dann mit mir durch die Planung manövriert hat und uns mit Rat und Tat und viel Enthusiasmus zur Seite gestanden hat. Unser persönliches Treffen ein paar Wochen später inkl. kleiner Führung durch den Boros Bunker war sehr beeindruckend. Vor einem steht eine Frau mit unglaublichem Kunstverstand und plaudert neben den wichtigen Infos zu diesem beeindruckenden Gebäude und der Sammlung aus ihrer Vergangenheit und wie sie hier schon als Studentin, mit wenig Tageslicht aber mit viel Herzblut gearbeitet hat. Eine tolle Begegnung und dafür nochmal ganz herzlichen Dank, liebe Juliet!

BOSANOVA-Redaktion: Juliet, die Sammlung Boros gilt als eine der wohl sichtbarsten privaten Sammlungen zeitgenössischer Kunst in Deutschland. Noch dazu werden Ausschnitte der Sammlung an einem Ort gezeigt, an dem sich die jüngere Zeitgeschichte Berlins verdichtet. Wie kamst Du zur Aufgabe der Leitung und was bedeuten Dir Ort und Sammlung persönlich?

Juliet Kothe: Die Sammlung existiert in der Form der öffentlichen Zugänglichkeit schon seit 2008, also fast 10 Jahre. Circa 2 Jahre nach der Eröffnung fing ich neben meinem Studium an, als Kunstvermittlerin zu arbeiten. Ich kenne alle drei Präsentationen und habe die Entwicklung eines unglaublichen Wachstums verfolgt – gemessen an Besucherzahlen und Interesse an der Sammlung. Inzwischen besteht das Team aus fast 30 Vermittlern, die letzte Ausstellung haben über 200.000 Leute besucht. Nach verschiedenen beruflichen Stationen im Bereich der Kunst und Kultur habe ich im Februar 2017 die Leitung der Sammlung übernommen, eine Rückkehr und eine großartige Herausforderung. Christian und Karen schenken mir viel Vertrauen, wir arbeiten unkompliziert miteinander und ich kann mit einem wirklich fantastischen Team im Rücken sehr eigenständig arbeiten. Der Ort ist so speziell, er scheint mit seiner Vergangenheit als ziviler Luftschutzbunker, Gefängnis, Früchtelager, Club und schließlich Präsentationsort einer Kunstsammlung wirklich jede Phase Berliner Stadtschichte abzubilden.

BOSANOVA-Redaktion: Kunstmäzen und Medienunternehmer Christian Boros lebt mit seiner Frau Karen Boros in einem Penthouse auf dem ehemaligen Reichsbahnbunker. Auch dort reiht sich Kunstwerk an Kunstwerk. Widmest Du dich allen Teilen der Sammlung oder nur den Werken, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?

Juliet Kothe: Die aktuell ausgestellten Arbeiten stehen natürlich im Fokus der Aufmerksamkeit, aber es existiert ein internationaler Leihverkehr aller Werke der Sammlung. Wir stehen stetig mit Ausstellungshäusern in der ganzen Welt in Kontakt. Gerade bereiten wir eine Leihgabe für das Guggenheim New York für eine Danh Vo Ausstellung vor. Mit der Schaffung einer öffentlich zugänglichen Privatsammlung ging es Karen und Christian ganz bewusst darum, Menschen an ihrer zeitgenössischen Kunst teilhabenzulassen. Wenn man Christian über seine Kunst reden hört, dann spürt man sofort, dass es ihm die größte Freude ist, das, was er so schätzt mit anderen zu teilen. Das gilt für alle Werke, nicht nur die ausgestellten.

BOSANOVA-Redaktion: Wie sieht ein typischer Arbeitstag als Leiterin in der Sammlung Boros aus und was fasziniert dich daran besonders?

Juliet Kothe: Jeder Tag ist anders – das ist toll und wahnsinnig stimulierend. Ich stehe in Kontakt mit sehr vielen unterschiedlichen, Menschen: Galeristen, Kuratoren, unserem bunten Team aus Künstlern, Studenten, Kreativen, aber auch Botschaftsvertretern oder mit euch. Heute war die First Lady aus Israel da – das ist schon ein Privileg, diese ganzen Menschen zu treffen und mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Oft muss man spontan reagieren – aber im Kern geht es ja darum zu teilen, was man selbst als zutiefst bereichernd empfindet: die Kunst und ihre Geschichten. Wenn der Funke überspringt, dann habe ich meinen Job gut gemacht, das ist immer das Ziel.

BOSANOVA-Redaktion: Hast Du eine(n) Lieblingskünstler(in) in der aktuellen 3. Sammlungspräsentation und verrätst Du ihn/sie uns?

Juliet Kothe: Mich berühren die Arbeiten von Paulo Nazareth. Der brasilianische Künstler geht über Monate in Afrika oder Südamerika auf Wanderschaft und arbeitet mit der lokalen Bevölkerung zusammen. Er ist quasi besitzlos, das was in das Kunstfeld hineingerät sind Überbleibsel seiner Reisen: ein Hemd, das er getragen oder eine Tasche, in der er seine wenigen Habseligkeiten verstaut hat. Mit seinen Videos und Performances thematisiert er die Brutalität von Machtausübung und Herrschaft: den Befehl zum Genozid an den Hereros durch in den ehemaligen Kolonialgebieten Deutsch-Südwestafrikas oder die Rituale zur Entmenschlichung afrikanischer Sklaven.

BOSANOVA-Redaktion: Juliet, Du bist Kulturwissenschaftlerin, hast zuletzt für den Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e.V gearbeitet, bist Gründungsmitglied eines Frauennetzwerkes in der Kunst und gleichzeitig für One Fine Day e.V. ehrenamtlich engagiert. Wie schaffst Du das alles und was treibt Dich dabei besonders an?

Juliet Kothe: Ich bin so unendlich dankbar für alle Möglichkeiten der Teilhabe. Und ich glaube zutiefst an das, was Kunst vermitteln und geben kann – ein universelles Prinzip, das für Führungskräfte aus der Wirtschaft ebenso gilt, wie für Kinder aus den Slums von Nairobi oder unseren Gästen der Sammlung Boros. Daraus ziehe ich wahnsinnig viel Kraft. Alles was ist tue, empfinde ich als Privileg und Chance mich weiterzuentwickeln.

BOSANOVA-Redaktion: Du engagierst Dich beim Projekt ONE FINE DAY. Was genau ist das und wie sieht dabei Dein Engagement aus?

Juliet Kothe: One Fine Day, ein Verein der vor 10 Jahren von Marie Steinmann und Tom Tykwer gegründet wurde, fördert ungefähr 1.000 Kinder in den Slums Kibera und Mathare in Nairobi. Wöchentlich werden sie in verschiedensten kreativen Disziplinen durch kenianische Lehrer unterrichtet. Ich reise zwei mal im Jahr mit zeitgenössischen Künstlern nach Nairobi, um mit den Kindern in den Ferien zu arbeiten. Die Idee ist, dass sie unterschiedlichste Techniken und Produktionsweisen vermittelt bekommen – angepasst an ihr Lebensumfeld. Kunst kann einen inneren Raum öffnen, der vor allem für Kinder wichtig ist, die unter schwierigen Lebensbedingungen aufwachsen. Man muss wissen, Kunst ist seit den 1990er Jahren vom kenianischen Lehrplan gestrichen.

BOSANOVA-Redaktion: Mal angenommen, jemand würde Dir einen Wunsch erfüllen bei dem Geld, Zeit und aktuelle Lebenssituation keine Rolle spielen – welcher Wunsch wäre das und wieso gerade dieser?

Juliet Kothe: Ich bin wirklich recht glücklich mit allem und mir fehlt es an nichts, was mir wichtig ist. Nur ein paar Stunden mehr könnte der Tag haben.

BOSANOVA-Redaktion: Vielen Dank für das Interview, Juliet und weiterhin ganz viel Erfolg bei all Deinen Aufgaben und Herausforderungen. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen!

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